BildungBusinessKarriereWissen

Für eine Mentalität der Selbstständigkeit

Balkendiagramm Gründe für Selbstständigkeit

Das Institut für Freie Berufe ist eine universitäre Einrichtung an der Friedrich Alexander Universität Erlangen Nürnberg. Unter dem Slogan „Forschung und Beratung aus einer Hand“ beschäftigt sich das IFB seit 1965 mit dem Wesen und der Bedeutung der Freien Berufe in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat. Zudem bietet es Gründungsberatung und Betreuung von Coachingmaßnahmen für Freie Berufe an. Ein Interview mit Dr. Willi Oberlander, dem Geschäftsführer des IFB.

Freiberuflichkeit und Selbstständigkeit

E.B.K.: Die Definition „Freier Beruf“ nach §1 (2) Partnerschaftsgesellschaftsgesetz lautet:

Die Freien Berufe haben im Allgemeinen auf der Grundlage besonderer beruflicher
Qualifikation oder schöpferischer Begabung die persönliche, eigenverantwortliche, und fachlich unabhängige Erbringung von Dienstleistungen höherer Art im Interesse der Auftraggeber und der Allgemeinheit zum Inhalt.

Impliziert die Bezeichnung Freier Beruf schon das Adjektiv freiberuflich? Hat man in einem freien Beruf eher die Neigung, sich selbstständig zu machen? Welche Beweggründe spielen noch eine Rolle?

Dr. Oberlander: Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass öffentlicher Dienst und Privatwirtschaft Freiberufler nur noch in relativ geringem Umfang einstellen. Aus diesem Grund nimmt der Anteil der Freiberufler zu, die nicht ganz freiwillig in die Selbstständigkeit gehen.
Die Ergebnisse der Befragung des IFB 2008 zeigen, dass der Wunsch nach Unabhängigkeit und Eigenverantwortung sowie die Angst vor Arbeitslosigkeit bzw. die Gefahr der Arbeitslosigkeit zu den hauptsächlichen Gründen gehören, sich selbstständig zu machen.

Balkendiagramm Gründe für Selbstständigkeit

E.B.K.: Die Hauptaufgabe des IFB ist „die wissenschaftliche Forschung über Fragen der Freiberuflichkeit und alle damit zusammenhängenden Aspekte von Berufszugang und -ausübung“ (Quelle: Internetauftritt des IFB). Zusätzlich bieten Sie Gründerberatung an. Wie ergänzen sich Forschung und Gründungsberatung? Wie schnell kann man die Forschungsergebnisse in der Beratung umsetzen und umgekehrt?

Dr. Oberlander: Die Forschungsergebnisse fließen unmittelbar in die Beratung ein. Dabei geht es vor allem um die Lage auf freiberuflichen Teilarbeitsmärkten und um Hinweise darauf, wie man die Existenzgründung gestalten sollte. Aus der mittlerweile tausendfachen Erfahrung in der Beratung werden wichtige Rückschlüsse auf eine realitätsnahe Forschung gezogen.

Die Rahmenbedingung für Gründerinnen und Gründer in Deutschland sind noch verbesserungsfähig.

E.B.K.: Im Gegensatz zu anderen Industrieländern ist die deutsche Gründungskultur noch relativ unausgereift – und das trotz vergleichsweise sehr guter finanzieller Bezuschussung. Wie lässt sich dieser Umstand erklären? Wie kann die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen, erhöht werden?

Dr.Oberlander: Tatsächlich hat die Selbstständigkeit in Deutschland einen deutlich geringeren gesellschaftlichen Stellenwert als in anderen Staaten. Wir wissen z.B. aus Absolventenstudien, dass Selbstständige in Freien Berufen bei sich bietender Gelegenheit nicht selten gerne in eine abhängige Beschäftigung wechseln. Nach unserer Auffassung sind jedoch die Rahmenbedingungen für Gründerinnen und Gründer noch verbesserungsfähig, auch bei der Finanzierung. Der neue „Mikrokreditfonds Deutschland“ ist ein guter Schritt. Ansonsten müsste die Finanzierung noch flexibler werden, z.B. durch Ausreichung von Geld  dann, wenn es tatsächlich gebraucht wird usw. Die Beratung ist hier immer noch defizitär.
Bei der Frage zur Verbesserung der Gründungslagen bzw. Selbstständigkeit muss man unterscheiden zwischen internen und externen Maßnahmen. Hier ein Zahlenbild aus dem Jahr 2004, an dem sich nicht viel geändert haben dürfte:

E.B.K.: Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) will als Teil der Initiative „Gründerland Deutschland“ Selbstständigkeit bzw. Freiberuflichkeit als Berufschance bereits in Schule und Universität vermitteln. Damit wäre das Institut für Freie Berufe als universitäre Einrichtung ein Vorreiter. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um? Gibt es an der Friedrich-Alexander-Universität zum Beispiel Vorlesungen und Seminare zum Thema Selbstständigkeit bzw. Freiberuflichkeit oder dient das Institut primär als Anlaufstelle für interessierte Studenten?

Dr. Oberlander: Es gibt Informationsveranstaltungen, Vorträge, Workshops (als Blockveranstaltungen). Darüber hinaus betreuen wir auch wissenschaftliche Arbeiten aus der Gründungsforschung u. Ä.

E.B.K.: Wie kommt das Angebot bei den Studenten an?

Dr. Oberlander: Studenten sehen die Beratung des IFB zunächst als Erweiterung des Spektrums Ihrer Möglichkeiten. Absolventinnen und Absolventen aus Fächern ohne spezifischen Arbeitsmarkt sehen darin mehr, nämlich nicht selten den einzigen Weg, das Erlernte auch tatsächlich in einen Beruf umsetzen zu können. Grundsätzlich ist das Interesse auch deshalb groß, weil man in relativ kurzer Zeit sehr viel Neues über einschlägige Berufsfelder und besondere Formen der Berufsausübung erfahren kann. Im Idealfall gelingt es, auch die Mentalität der Selbstständigkeit zu vermitteln. Dann hat man sehr viel erreicht.

Der häufigste Fehler ist die ungenügende Vorbereitung.

E.B.K.: Für alle anderen bieten Sie die Gründungsberatung an. Ihr Angebot umfasst verschiedene Arten der Beratung (schriftlich, telefonisch, Einzelberatung, Beratungstage u.a.) und deckt die wichtigsten Bereiche ab: Allgemeine Gründungsberatung, Rechts-, Steuer-, Finanzierungsberatung sowie öffentliche Fördergelder und Fördermöglichkeiten der Agentur für Arbeit für Existenzgründer. Was sind die häufigsten Anfängerfehler und wie lassen sich diese vermeiden und beheben? Gibt es unüberwindbare Hindernisse? Wann würden Sie vor dem Übertritt in die Selbstständigkeit generell abraten?

Dr. Oberlander: Der häufigste Fehler ist schlichtweg die ungenügende Vorbereitung. Gravierender noch ist die Vorstellung, nach ersten Informationen vor einem nicht begehbaren Berg von Herausforderungen zu stehen. Eine gute Beratung vermittelt Respekt vor der Gründung und setzt die Hemmschwelle herunter. Dazu gehört vor allem ein guter Businessplan, der vor allem ein brauchbares Marketingkonzept enthalten sollte. Gute Beratung für wenig Geld gibt es darüber hinaus bei vielen Institutionen. Das sollte mehr genutzt werden. Gewarnt vor der Selbstständigkeit wird vor allem dann, wenn die Geschäftsidee nicht marktfähig erscheint und/oder die Person der Gründerin oder des Gründers nicht hinreichend belastbar erscheint, aus welchen Gründen auch immer. Dann versuchen wir auch, andere Wege zu finden.

E.B.K.: Des Weiteren bieten Sie mit Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie und der Europäischen Union (Europäischer Sozialfonds) in Form des Vorgründungs-Coachings ein Beratungsprogramm für Existenzgründer und Betriebsübernehmer an. Wie ist das Vorgründungs-Coaching aufgebaut?

Dr. Oberlander: Bereits vor der Anmeldung der freiberuflichen Tätigkeit begleiten erfahrene Berater/Coaches die Gründer/innen und Nachfolger/innen auf dem Weg zur erfolgreichen Umsetzung der Geschäftsidee und unterstützen sie bei betriebswirtschaftlichen Fragen. Soll ein Nebenerwerb zum Vollerwerb ausgebaut werden, kann hier ebenso Unterstützung angeboten werden. Im Rahmen des Vorgründungs-Coaching-Programms werden höchstens 70 Prozent des Beraterhonorars bezuschusst. Es können maximal 10 Tage gefördert werden.

Nähere Informationen gibt es im Internet unter
http://www.ifb-gruendung.de/fs_beratungsangebot.htm

Weiterführende Literatur und Links zum Thema

E.B.K.: Das IFB unterhält die größte themenspezifische Präsenzbibliothek über Freie Berufe im deutschsprachigen Raum. Was sind die klassischen Nachschlagewerke, Periodika etc.?

Dr. Oberlander: Wir haben u.a.
• eine Aufsatzsammlung
• Statistik, insbesondere der Freien Berufe
• Fachzeitschriften
• und natürlich Fachliteratur (auch graue).

Über unsere Veröffentlichungen informiert Sie das Internet.

Unter http://www.ifb.uni-erlangen.de/fs_publikationen.htm kann man die Publikationen nach Themen, Berufen und Schriftenreihen sortieren. Die gewünschten Medien lassen sich problemlos bestellen und sind zum großen Teil kostenlos.

Die Gründungsberatung bietet zudem unter http://www.ifb-gruendung.de/fs_downloads.htm Downloads für Gründungsinteressierte an, u.a. zu rechtlichen Grundlagen.

Vielen Dank an Herrn Dr. Oberlander fürs Interview!

1 comment

  1. Freelancer 23 September, 2011 at 12:36

    Wir gehen in unserer Gesellschaft viel zu defensiv an das Thema Selbständigkeit heran. Es wird viel mehr als Geißel betrachtet, anstatt als Chance eben etwas mehr selber zu bestimmen wohin die Richtung geht. In den vergangenen Jahren habe ich viele Freiberufler kennengelernt, davon sind vielleicht 50% so eingestellt, dass ihnen die freiberufliche Arbeit wirklich Spaß macht, bei den anderen 50% merkt man, dass sie vielleicht doch lieber in eine Festanstellung wechseln würden.

Nachricht hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.